Ausschnitt Spieltischdetails der neuen Kuhn-Orgel

Die Kuhn-Orgel

--> Einleitung

--> Entstehung

--> Konzeption

--> Disposition

--> Prospektansicht

--> Bilder vom Orgelaufbau

Gedanken und Überlegungen des Orgelbauers
 
   Jeder Orgelneubau muss zwei grundverschiedene Aspekte unter einen Hut bringen, nämlich die architektonische Gestaltung des Werkes und das klangliche Konzept. Die Schwierigkeit besteht unter anderem darin, dass die beiden Problemkreise nicht unabhängig voneinander gelöst werden können. Trotzdem sei versucht, die beiden unterschiedlichen Gedankengänge etwas zu ordnen.
 
Zur architektonischen Gestaltung
 
   Die Ostwand des Mittelschiffes der Propsteikirche Herz Jesu zeigt zwei grosse Öffnungen. Unten ist das stattliche "Innenportal", oben öffnet sich ein grosses, spitzbogenförmiges "Fenster" zum dahinter liegenden Turmraum. Diese obere Öffnung ist der optisch und akustisch ideale Standort für eine den Raum beherrschende Orgel. Die schmale Brücke zwischen der untern und obern Wandöffnung war jedoch in ihrer überkommenen Bausubstanz zu schwach, um das Gewicht einer angemessenen Orgel zu tragen. Deshalb stand hier bis jetzt noch nie eine Orgel. Die bisherigen Instrumente mussten gänzlich in den Turmraum hinein versenkt werden, was ihre klangliche Wirkung erheblich schmälerte (Foto). Durch eine wohldurchdachte Stahlkonstruktion konnten die baulichen Schwachstellen derart gefestigt und saniert werden, dass es nun möglich wurde, wesentliche Teile der neuen Orgel vor und in den Bogen zu stellen.
Ansicht vor der Emporenerweiterung
 
   Freilich war es unmöglich, alle vier Teilwerke der Orgel (Hauptwerk, Solowerk, Schwellwerk, Pedalwerk) in der zur Verfügung stehenden Gesamtbreite von nur sechs Metern unterzubringen, so dass die Manualwerke hintereinander gestaffelt werden mussten. Zudem wollte man auch nicht die ganze Offnungsfläche des Spitzbogens mit der Orgel verdecken, um den ebenfalls erst jetzt wiedergewonnenen Lichteinfall aus den hinteren Turmfenstern nicht gleich wieder vollständig opfern zu müssen. Diese Gegebenheiten und Überlegungen führten schliesslich zu folgender Werkanordnung. In der Mitte, über der Organistenkanzel mit dem Spieltisch, erhebt sich das Hauptwerk mit den Pfeifen des Principal 8'. Um dieses Zentrum zu betonen, wurden hier insgesamt vier pflugartig vorspringende Spitztürme eingegliedert. Seitlich hievon bilden die Felder des Pedalwerkes einen markanten Abschluss. Hier finden sich auch die längsten Pfeifen der ganzen Orgel, die über fünf Meter langen imposanten Pfeifen des Principal 16'. Der Rest der Orgel ist, für das Auge unsichtbar, zurückgestaffelt. Unmittelbar hinter dem Hauptwerk und auf derselben Höhe befindet sich das Solowerk. Es steht bereits im Durchbruch der Ostwand. Noch weiter hinten, im Turmraum selbst, schliesst sich das Schwellwerk an.
 
Grundriss Orgelempore    Damit die hinten stehenden Werke klanglich nicht benachteiligt sind und abfallen, wurden alle drei Manualwerke zu einer kompakten Einheit zusammengebaut. Durch diese Massnahme wurde eine gleichmässige Klangabstrahlung erreicht, so dass alle Werke im Mittelschiff sehr präsent wirken, gleichgültig, ob sie nun vor, im oder hinter dem Spitzbogen stehen. Die Pfeifenfelder des Hauptwerkes folgen mit ihren oberen Abtreppungen den darüberliegenden Spitzbogen des Mittelschiffes. Die grossen Pedalfelder dagegen bringen mit ihren bogenförmigen Dachabschlüssen eine Gegenbewegung zu den Gewölbeformen, während ihre Labienlinien gleichzeitig der Bewegungsrichtung des Portalbogens folgen. Das bewusst hell gehaltene, ölwachsbehandelte Eichengehäuse mit den zahlreichen Prospektpfeifen wurde feingliederig herausgebildet, um die Massstäblichkeit mit den Gewölberippen und den Diensten der Bündelpfeller zu finden.
 
Zum klanglichen Konzept

  Obwohl die relativ geringe Registerzahl von nur 29 klingenden Stimmen eigentlich dagegen spricht, zielt das Dispositionskonzept in Richtung symphonische Musik. Durch die Aufteilung der Register auf drei Manuale (nebst Pedal) wird jedoch ein sehr vielfältiger Einsatz der vorhandenen Klangsubstanz ermöglicht. Ein Hauptgedanke war, die üblichen Register eines grossen Hauptwerkes aufzuteilen in ein kleineres Hauptwerk (I) und ein Solowerk (II). Gekoppelt ergibt sich trotzdem das gewünschte grosse Hauptwerk, doch bietet die Abspaltung des Solowerkes vielerlei Möglichkeiten für klangliche Differenzierungen, sei es in der Polyphonie oder im Solospiel. Auch das Schwellwerk (III) ist keineswegs nur ein romantisches Attribut. Dank seiner klanglichen Präsenz im Raum kann es sowohl manualiter im Triospiel wie auch pedaliter als Cantus-firmus-Stimme zum Einsatz gelangen.
 
Seitenansicht Kuhn-Orgel    Die Zungenstimmen haben wir ebenfalls sehr differenziert behandelt. Während die Hauptwerk- und Pedalzungen eher dem deutschen Klangideal folgen, basieren die Zungen des Solowerkes und des Schwellwerkes auf der klassisch-französischen Tradition. Den Koppeln fällt bei diesem Klangkonzept eine besonders wichtige Aufgabe zu. Die Klangverschmelzung der Grundstimmen muss in jeder denkbaren Kombination möglich sein, und zwar ohne Stimmhaltungsprobleme. Die üblichen sechs Normalkoppeln werden ergänzt durch eine Suboktavkoppel III-I. Sie verhilft zu einer maximalen Ausnützung einer praktisch stufenlosen Dynamik des Schwellwerkes, und dies nicht etwa nur bei spektakulären Fortestellen, sondem ebenso sehr auch im fein differenzierten Pianobereich mit zarten, farbigen Flöten- und Streichermischungen. Die reine Mechanik nicht nur in der Traktur, sondern auch in der Registratur, mag zunächst als Beeinträchtigung und Einengung des romantischen Registrierens betrachtet werden. Fünf mechanische Wechseltritte für einzelne Zungen und die HW-Mixtur ermöglichen jedoch im Verein mit der Dreimanualigkeit ein sehr hohes Mass an klanglicher Beweglichkeit, wie sie von der Orgelliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts verlangt wird.
Dr. Friedrich Jakob
Direktor der Orgelbau
Th. Kuhn AG von 1967 - 1999
Dr. Friedrich Jakob, Direktor Orgelbau Kuhn AG
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